Tour II: Frómista nach Astorga

Freude über Freude ist in mir als ich im September am Bahnhof von Frómista aussteige. – Der Camino hat mich wieder!

Noch an diesem Tag besichtige ich in Frómista die wunderschöne romanische Kirche St. Martin und genieße den warmen Abend. Die anstehenden eineinhalb Wochen gehen durch die Meseta und kulturelle Highlights sind nur wenige zu erwarten. Stattdessen heißt es diesmal mehr gehen und Kilometer machen. Trotzdem überrascht schon der erste Marschtag mit der eindrucksvollen Kirche in Villalcázar de Sirga. Carrión de los Condes ist das erste Etappenziel und ein netter Ort mit sehr guter Infrastruktur für Pilger. Die etwas mehr als 20 km Strecke sind quasi zum Einlaufen und gut zu gehen. Das Wetter passt heute ideal und ich treffe Angela und Christoph zum Essen, mit denen ich über Facebook schon Kontakt hatte. Zum Abendessen bestelle ich Murcilla de Arroz, eine  Blutwurst mit Reis, Zwiebeln und Kräutern, die in Scheiben geschnitten gebraten wird. Dazu gibt es Weißbrot. Optisch ist das Ganze zuerst gewöhnungsbedürftig, schmecken tut es aber sehr gut. Nach dem Gottedienst treffe ich noch einen Pilger, der nach der Aussprache gehend irgendwo aus dem Rheinland stammt. Als er mitbekommt, dass ich aus München bin, erzählt er mir von einer jungen Pilgerin aus München, die er schon mehrfach getroffen habe. Die wohne auf der Theresienhöhe und das wäre ja gleich am Oktoberfest. Die Beschreibungen lassen in mir allerlei Vermutungen aufkommen, aber ich kann mich nicht erinnern die beschriebene Frau schon gesehen zu haben.

Tags darauf heißt es zuerst mal 18 km laufen, steckengerade durch die Hochebene. Keinen Brunnen oder andere Versorgungsmöglichkeiten gibt es hier. Bei Temperaturen bis 30° C bewegt man sich über diese Piste nach Calzadilla de la Cueza. Es ist die längste Strecke in dieser Art, die während meines Pilgerwegs zurückzulegen ist. Doch die Strecke wird kurzweiliger als angenommen. Bei einem Fotostopp steht auf einmal eine junge Frau hinter mir, die an meinen Abzeichen am Rucksack erkannt hat, dass ich aus Bayern komme. Schnell kommen wir ins Gespräch und sie erzählt, dass sie in München auf der Theresienhöhe wohnt. – Jetzt weiß ich wer das ist! 
Als ich ihr von den Beschreibungen tags zuvor erzähle kann sie nur lachen. Ansonsten unterhalten wir uns angeregt über Pilgern, Beruf, Privatleben und was uns sonst so bewegt. So verkürzen sich die Kilometer doch erheblich. Am Ende der langen Strecke ist die erste Bar gut belegt und Getränke werden heute in Mengen konsumiert. Meine Flaschen, die morgens noch mit 2 Liter Wasser gefüllt waren, sind leer.

Danach sind die Abstände zwischen den Orten mit Brunnen, Bars und was der Pilger sonst noch benötigt deutlich kürzer. Sahagún sieht sich offiziell als die Mitte des Camino Francés, von der französischen Grenze aus gesehen. Ein Monument, kurz vor Erreichen des Ortes weist extra darauf hin. In den meisten Pilgerführern wird das zwar hinterfragt, doch kratzt mich das wenig, denn der Ort ist auch so ganz nett. Da ich am frühen Nachmittag durch den Ort marschiere, ist mir der Zugang zu den empfohlenen Kirchen wieder mal nicht möglich. Es ist Siesta. 

Am Ortseingang von Reliegos komme ich an einer kultigen Bar vorbei, die an den Wänden innen und außen mit Grafitis dekoriert ist. Die Bar sieht ordentlich aus und so kehre ich ein, um dort einen Bocadillo zu verspeisen. Ein junger Mann, der sich zur mir an den Tisch setzt, hat auf seinem Rucksack Aufnäher von diversen Orten und Wegen. Ich spreche ihn an und so unterhalten wir uns eine Zeit lang. Er kommt aus Norwegen und ist schon viele europäische Wanderwege gegangen. Im Jahr zuvor war er auf dem Olavsweg unterwegs. Jetzt interessieren ihn die christlichen Wallfahrtsrouten, so kam er dieses Jahr auf den Pilgerweg nach Santiago.
Auf dem Weg bis León verläuft der Camino weiter eben, auf einer Höhe von mehr als 800 m. Verbindungswege zwischen den Orten sind oft wie mit dem Lineal gezogen und die Fernsicht zuweilen großartig. Auf Distanz ist auch das Ende der Meseta sichtbar. Das immer noch weit entfernte Gebirge kommt zumindest optisch näher.

León ist eine große Stadt, allerdings sind abermals viele Kilometer durch Industrie- und Wohngebiete zurückzulegen. Irgendwann stehe ich jedoch vor der Stadtmauer aus der Römerzeit und das Bild der Stadt ändert sich schlagartig. Im historischen Kern fühle ich mich sofort wohl. Hier entschließe ich mich einen Tag Pause einzulegen, denn dieser Ort soll genauer erkundet werden. Eine nette Pension zum günstigen Preis findet sich dann auch schnell. Ein eigenes Zimmer mit Dusche ist nach den vielen Tagen in den Herbergen ein wahrer Luxus. Ich kann mich mal wieder in aller Ruhe duschen und pflegen, meinen Rucksack neu packen und vor allem am nächsten Tag länger schlafen, ohne dass mich andere Pilger schon um 5:00 h wecken.

Tags darauf regnet es in Strömen. Die Kathedrale steht heute als erstes auf dem Programm und ist Gott sei Dank nur wenige Schritte von meiner Pension entfernt. Die Kirche Santa María de Regla ist ein gotischer Bau, der bereits von außen durch seine Größe und Architektur imponiert. Der Innenraum ist mit farbigen Motivfenstern aus dem Mittelalter ausgestattet. Bilder, Altäre und anderes Kunsthandwerk sind ebenfalls sehr farbig. Fast zwei Stunden lang sehe ich mir die Kirche an, höre Audioguide und fotografiere ausgiebig. Draußen regnet es noch und so beschließe ich das Diözesanmuseum ebenso zu besichtigen. Das geht indes schneller, denn so groß ist das nicht. Als ich anschließend vor die Tür trete hat der Regen aufgehört und die Sonne kommt zum Vorschein. – Perfekt abgestimmt, könnte man glauben.

Die vielen Plätze und Gebäude dieser Stadt haben Charme. Eine gelungene Mischung aus historischen und modernen Gebäuden sowie das urbane Treiben finde ich anziehend. Gerade nach den Tagen des Laufens über Land und Dörfer wirkt das auf mich als Großstadtkind besonders.
Abends gehe ich noch in die Basilika San Isidoro zur Messe mit Pilgersegen. Dort treffe ich Uschi und Max wieder und die Freude ist groß. Das Rentnerehepaar aus Ostfriesland kenne ich seit Carrión de los Condes und immer wieder haben wir uns getroffen, mit längeren Unterhaltungen. Die beiden sind alte Hasen was das Pilgern betrifft und haben schon ganz Europa durchwandert. Den Camino Francés laufen sie bereits zum zweiten Mal. 

Um den Pilgerweg für Wanderer attraktiver zu machen, werden neue, alternative Wege ausgebaut. Das Laufen an stark frequentierten Landstraßen ist kein Vergnügen und streckenweise auch gefährlich. Zwischen León und Hospital de Órbigo führt ein solch neuer Weg. Der ist zwar länger als die klassische Route entlang der Staatsstraße, belohnt mich jedoch mit eindrucksvollen Ausblicken und Wetterstimmungen. Ich fotografiere viel und komme nicht so schnell vorwärts. Irgendwann steht hinter mir eine große blonde Frau, die an meinem Rucksack erkannt hat, wo ich herkomme. Schnell erfahre ich, dass sie aus Osnabrück kommt. Wir laufen die nächsten Kilometer gemeinsam und reden zuerst über Camino, Familie und anderes Privates. Ich stelle bald fest, dass es sich bei Sybille um eine Profipilgerin handelt. Auf vielen Wegen ist sie schon nach Santiago de Compostela gewandert. Von ihrem reichhaltigen Erfahrungsschatz kann ich noch profitieren. Sie versorgt mich später zur Vorbereitung der finalen Tour im Jahr darauf mit vielen Tipps und Hinweisen.
Auf dem weiteren Weg verfinstert sich der Himmel. In der Ferne schießen Blitze aus den Wolken und ich muss jetzt achtsam sein, denn zwischen den Ortschaften sind meist nur flache Felder mit wenig Schutzmöglichkeiten gegen Gewitter. In den letzten beiden Orten vor Hospital de Órbigo prüfe ich jeweils genau die Wetterlage, erst danach geht es weiter.
Hospital de Órbigo hat eine eindrucksvolle historische Brücke die ich noch fotografierend überquere um anschließend in der nächsten Herberge ein Nachtlager zu bekommen. Nach über 30 km Marschieren bin ich heute todmüde.

Auf der der letzten Etappe geht es mir wie im Jahr zuvor. Wehmut kommt auf als ich in Astorga einlaufe. Die Stadt an sich ist wirklich schön und ich nutze am Nachmittag die Gelegenheit Dom und Bischofspalast, erbaut von Antoni Gaudí, zu besichtigen. Mit Uschi und Max habe ich mich heute Abend verabredet. Bei einem gemeinsamen Pilgermenü in einem netten Restaurant feiern wir Abschied.

Am kommenden Tag geht es über León mit dem Alsa-Bus nach Madrid. Während der langen Fahrt über die spanische Hochebene habe ich Zeit den Camino nochmal in mir wirken zu lassen.


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Bildergalerie Tour II

Titelbild: Die hochromanische Kirche San Martín in Frómista

© 2015-2018 einschließlich aller Fotos: Matthias S. Greska - Layout: Pamplona - V.18061301

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